Bäcker als digitaler König - 50 Jahre verändern eine jahrhundertealte Backtradition

von Admin

Im „Brotland Deutschland“ haben Anfang der 1990er um die 26.000 – zumeist familiengeführte – Bäckereien  ihre Backwaren überwiegend traditionell handwerklich gefertigt. In den modern ausgestatteten Betrieben hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten aus wenigen Sorten Brot ein schier unüberschaubares Angebot entwickelt. Der Verkauf erfolgt am Bäckereistandort. Filialen gibt es kaum. Die Herausforderungen der Zukunft liegen unter anderem in der zunehmenden Lehrlingsproblematik oder der Unterstützung für Werbemaßnahmen. Darüber hinaus spielen auch die aufkommende Technisierung, neuere Produkte oder Hygieneverordnungen eine immer größere Rolle.

Mehr Umsatz bedeutete mehr Gewinn

So vielseitig wie sich das Bäckerhandwerk mittlerweile entwickelt hat, ist die Versicherungswirtschaft in den 90ern noch lange nicht gewesen. Das frühere Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV), prüfte die Geschäftspläne aller Versicherer, genehmigte ihre Allgemeinen Versicherungsbedingungen und kontrollierte die Kalkulation von Prämien und Rückstellungen. Jedes neue Versicherungsprodukt ist über die Tische des BAV gegangen, jede Prämienanpassung wurde zwischen der Aufsichtsbehörde und den Versicherungsverbänden nach festgelegten Klauseln und auf Grundlage gemeinsamer statistischer Daten berechnet. Nennenswerte Unterschiede zwischen Produkten und Preisen verschiedener Anbieter gab es ebenso wenig wie Wettbewerb. Durch die vorhandene Homogenität wurden Versicherungen vom „Versicherungsvertreter um die Ecke“ verkauft. Es ist ein gutes Geschäft für alle gewesen, denn die staatlich sanktionierten Prämien wurden so kalkuliert, dass jedes Produkt garantierte Gewinne erwirtschaftet - mehr Umsatz bedeutete automatisch mehr Gewinn.

Doch eines der beliebtesten Schlagwörter in der Versicherungsbranche  ist „Kundenorientierung“ geworden. Daher hat die Versicherungsbranche im Jahr 1994 ein einschneidendes Ereignis erfahren: Die „Deregulierung des Versicherungsmarktes“. Produkte und Tarife konnten nun ohne langwierige Überprüfung und Zulassung am Markt angeboten werden.  Das Angebot an Policen wurde größer. Das galt neben Kfz-Policen auch für Unfall-, Haftpflicht-, Lebens- und viele andere Versicherungen. Das Zinsniveau war hoch und auf dem Kapitalmarkt brachte die Anlage der Beiträge so gutes Geld, dass sich die Branche versicherungstechnische Verluste (Saldo aus Prämieneinnahmen, Schadensausgaben und Betriebskosten) leisten konnte - allerdings zunächst ohne praktische Folgen. Zunächst führte das zu glücklichen Kunden, die ihre Anbieter wechseln konnten – auch forciert durch den zunehmenden Wettbewerb der Industrieversicherungsmakler, die sich mit Branchenkonzepten immer mehr auch auf mittelständische Betriebe konzentrierten.

Aufhebung Nachtbackverbot

Dazu gehört u.a. auch das Bäckereigewerbe. Für die bis 1996 z.B. gegenüber Tankstellen benachteiligten Bäckereien kam es durch die Änderung des Ladenschlussgesetzes zur Aufhebung des Nachtbackverbotes. Bäckereien durften nun auch sonntags Brot und Brötchen backen sowie verkaufen und da Sonntag ein wichtiger Tag für den Umsatz wurde, hat heutzutage ein Großteil der Bäckereien an diesem geöffnet. Das wiederum erforderte die Automatisierung von Arbeitsprozessen, Erweiterungen der Produktionsstandorte und Neubauten in Gewerbegebieten. Die Datenverarbeitung erhielt auch im Bereich der Verwaltung des Backbetriebes Einzug. Durch die verlängerten Öffnungszeiten und die veränderten Einkaufsgewohnheiten der Deutschen expandierten die Bäckereien auch mit Filialen in Einkaufszentren und Vorkassenbereichen von Discountern. Aus den Handwerksbetrieben entwickelten sich kleine und mittelständische Produktionsunternehmen, die durch ihre z.T. erheblichen Investitionen in Produktionsstraßen und den Ausbau des Filialgeschäfts auch den angebotenen Versicherungsschutz miteinander vergleichen. Doch es herrschte auch neue Intransparenz. Die Leistungen der Versicherer waren sehr unterschiedlich, die Preise aber nahezu gleich. Und doch wurden beide Produkte gekauft, weil den Kunden der Überblick gefehlt hat.

Neue Managergeneration

Bei den Versicherungsgesellschaften ist infolgedessen inzwischen eine neue Managergeneration entstanden, die auf grundsätzliche Dinge wie Ertrag, Deckungsbeiträge oder neue Kostenrechnungsmodelle achten. Massenentlassungen, Übernahmen, Fusionen, Rationalisierung waren die Folgen. Kulanzentscheidungen aufgrund fehlerhafter Absicherungen, Obliegenheitsverletzungen oder eine unzureichende Versicherungssumme wurden auf ein Minimum reduziert oder ganz untersagt. Die individuelle Absicherung wurde und wird immer wichtiger. Denn: Kein produzierender Betrieb ist wie der andere. Um einen Versicherungsschutz „wasserdicht“ zu gestalten, ist eine umfassende Risikoanalyse durch Ermittlung der individuellen Risikosituation unumgänglich.

Umfassendere Risikoanalyse

Neben detaillierten Bedingungswerken wird die sorgfältige Bemessung von existenzzerstörenden Ereignissen wie z.B. die Betriebsunterbrechungs-Versicherungssumme mit entsprechender Haftzeitbemessung in Zukunft eine herausragende Rolle spielen.  Durch einen höheren Technisierungsgrad im Bereich der Produktion und in den Filialen steigt ebenso der Absicherungsbedarf im Bereich der Maschinen- und Elektronikversicherung. Bei Filialen in großen Einkaufszentren, Bahnhöfen etc. bestehen insbesondere im Hinblick auf Feuerschäden große Regressrisiken. Der „Verkauf von Versicherungskonzepten“, wie er heute noch anzutreffen ist, ermöglicht zwar den kurzfristigen Erfolg durch eine schlanke Administration und günstige Prämien, erweist sich allerdings insbesondere im Großschadenbereich als sehr nachteilig und ist daher nicht zukunftsweisend.   

Neue Anforderungen

Aber nicht nur die Manager der Versicherungsbranche müssen ihr Anspruchsdenken ändern, auch der Bäckereiunternehmer muss sich auf veränderte Gewohnheiten seiner Kunden einstellen. Die Zeit wird immer schnelllebiger. Die Menschen frühstücken außer Haus und gehen mittags „auf einen Snack“ schnell zum Bäcker. Wer da mithalten will,  muss versuchen zu jeder Tageszeit das Richtige anzubieten. So wird sich auch das Erscheinungsbild in den Filialen über den ganzen Tag verwandeln. Das frische Brötchen am Nachmittag wird in den Filialen durch Teiglinge zum Standard. Einfache Verkaufsstätten für Brötchen, Brot und Kuchen werden zu „gastronomischen Erlebniswelten“ mit immer höherwertigerer Ausstattung ausgebaut. Morgens eine Bäckerei und mittags ein Café, das sich abends zum Grill- oder Steakrestaurant entwickelt.

Neben Produktvielfalt, Frische und Backwarenqualität unterscheidet sich das deutsche Bäckerhandwerk von industriellen Anbietern durch individuellen Kundenservice im Verkauf. Die deutlich umfassenderen Leistungen werden durch die immer anspruchsvollere Technik unterstützt werden müssen. Das fängt bei den digitalen Spezifikationen der eingekauften Rohstoffe an und endet bei den Informationen des Kassensystems. 

Backen und Liefern nach Bestellung

Eine mögliche Zukunftsvision könnte sein, dass die einzelnen Systeme miteinander kommunizieren und somit Daten verbunden und ausgewertet werden können. Die gewünschten Brötchen würden so am Abend über Internet oder per App bestellt und bezahlt werden, am nächsten Morgen individuell produziert und gebacken. Zum Frühstück wird die Bestellung dann abgeholt oder von der Bäckerei – besser gesagt von den mobilen Transportrobotern oder Lieferdrohnen der Online-Shops – an die Haustüre ausgeliefert. Der Bäckereibetrieb würde dadurch in die Lage versetzt, seine Produktion tagesaktuell anzupassen.

Cyber-Kriminalität

Zusätzliche Haftungsfragen werden sich alleine durch den Einsatz dieser neuen Techniken ergeben: wer haftet, wenn kein Fahrer an Bord ist oder eine abgestürzte Drohne einen Personenschaden verursacht? Auch die Möglichkeiten, Unternehmen digital zu attackieren, werden vielfältig werden und Cyber-Kriminelle kreativ. Hacker werden in Firmennetzwerke eindringen, die Systeme analysieren und Wege finden, dem Unternehmen größtmöglichen Schaden zuzufügen. Das kann durch die Umprogrammierung der Industriemaschinen erfolgen, um den Produktionsprozess so zu stören. Künstlich verdickter Teig kann etwa Rohre verstopfen und Maschinen zerstören. Das bedeutet nicht nur Betriebsausfall, versäumte Lieferfristen und verlorene Kunden, sondern im schlimmsten Fall treiben ausbleibende Einnahmen und der verursachte Schaden ein Unternehmen in die Insolvenz. Im besten Fall geht vorher der Geschäftsführung ein Erpresserschreiben zu: „Zahlt oder wir stoppen eure Produktion.“

Auf diese Art des Risikos wird sich der Versicherungsmakler bereits eingestellt haben. Kunden dürfen also erwarten, dass Versicherungspolicen, -produkte und -dienstleistungen in Zukunft immer anwenderfreundlicher, einfacher zu verstehen und als digitale Kundenakte schneller online zugänglich sein werden.

Innovative Eigentragungsmodelle

Viel bedeutender aber wird die strategische Unterstützung des Unternehmers in seinen Entscheidungen zur Risikoidentifikation und -bewertung und die damit verbundene Einleitung von sinnvollen, risikoverbessenden Maßnahmen aus Schäden. Das bereitet den Weg für neue, innovative Eigentragungsmodelle. Die neuen Technologien werden sich weiterhin rasant entwickeln und in der Versicherungswirtschaft für einen Ausbau der Analysemethoden sorgen. Der Bäcker als „digitaler König“ wird zukünftig der Entscheidungsträger bei der Erstellung des Portfolios von Versicherungsunternehmen.

Ein aktuell besonders schwerwiegendes Problem wird allerdings von der Bildfläche verschwunden sein: Die vielfältigen Schwierigkeiten der Bargeldentsorgung und die damit verbundenen Schadenfälle werden der Vergangenheit angehören – es sei denn die Beraubung seines Transportroboters wird vom Bäcker als versicherungswürdig eingestuft werden: In diesem Fall wird der Versicherungsmakler dieses Risiko in seinen Leistungskatalog mit aufnehmen müssen.

Oliver Freund

Erschienen in der Back.Business (Ausgabe 7-17) !

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